Kuh-Projekt

Die Kuh ist kein Klimakiller

Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können

Anita Idel
Metropolis Verlag, Marburg, 2010; 20 Farbfotos, broschiert, 200 Seiten, € 18,00

Verunsicherte Freunde von Kühen dürften auf dieses Buch lange gewartet haben, denn ein Feldzug gegen die großen Wiederkäuer ist im Gange. Unerwartete Koalitionen aus Klimaexperten, Agrarindustriellen, Naturschützern, Ernährungsexperten und Veganern wettern gegen Rinder. Im Visier haben sie Unterschiedliches: Milchkühe, Milchprodukte und den Gesundheitswert des Rindfleisches, die Fütterung und die Weidehaltung von Kühen. Ein Argument gegen Kühe eint alle: Kühe emittieren Methan und Methan ist ein klimawirksames Gas, ein 25 fach stärker Klimakiller als Kohlendioxid. Die Kuh wird deswegen oft als so klimaschädlich wie das Auto hingestellt. Auch werden Beweidung und Weidetiere seit Jahrzehnten vollkommen undifferenziert mit Überweidung, mit Verwüstung und mit Hungersnöten in einen Topf geworfen. Unter diesem falschen negativ-Image leiden in Deutschland neben Kühen auch Schafe und im besonderen Maße Ziegen - weitere Wiederkäuer. Weidetieren misstrauen viele und so konnte es geschehen, dass es immer weniger solche gibt. Angeblich effektiver als mit Gras und Heu füttert man Kühe heute mit Silomais. Grünland wird vielerorts zu Ackerland für Maismonokulturen umgebrochen. Vor allem Hühnerfleisch gilt in weiten Teilen der Bevölkerung als gesünder und klimafreundlicher als Rindfleisch. Zur Freude der großen Hähnchen-Mäster.

Es gibt nur wenige Experten, die angesichts dieser Tatsachen Kühe in Schutz nehmen und die längst gezogenen Schlussfolgerungen nicht unreflektiert wiedergeben sondern genauer betrachten. Eine von Ihnen ist die engagierte Tierärztin und Autorin dieses Buches Anita Idel. Sie zeigt die Widersprüche im System auf, beginnend beim Ausstoß von Klimagasen. Aus der intensiven Landwirtschaft wird neben CO2 und Methan nämlich auch N2O - bekannt als Lachgas - klimawirksam. Es entsteht verstärkt als Folge intensiver Bewirtschaftung und Stickstoffdüngung von Äckern. Ein weiterer stets verschwiegener und weitgehend unbekannter Aspekt ist der Humusabbau bei der Umwandlung von Grünland zu Ackerland. Die damit verbundene langfristige Freisetzung großer Mengen an CO2 ist klimarelevant und genauso unwiederbringlich wie bei der Abholzung von Wald. Idel macht aber auch auf Fragen der Tiernutzung und Tierethik aufmerksam: Die durchschnittliche Lebensdauer einer heutigen Hochleistungskuh beträgt nur noch weniger als fünf Jahre, dann ist sie verbraucht. Melken konnte man diese Kuh nur wenige Jahre, groß füttern musste man sie relativ gesehen lang. Kann das wirklich ökonomisch und ökologisch sein? Völlig zu Recht mahnt Anita Idel mehr Forschung in diesen Zusammenhängen an. Bedenkenswerte Ansätze zeigt sie auch aus historischen Nutzungsweisen von Rindern und Zugochsen auf und aus der weltweiten gemeinsamen Geschichte der Haltung und Züchtung von Wiederkäuern durch Menschen.

Daneben verschafft Idel Projekten und Menschen Aufmerksamkeit, die sich um die Arterhaltung von Nutztierrassen kümmern, um die nachhaltige Bewirtschaftung unserer Landschaften und um den damit verbundenen Biotopsschutz.
Das Buch sei allen dringend zur Lektüre empfohlen, die sich mit Klimaschutz, Biodiversität, Naturschutz, Fleischproduktion, Fleischkonsum, Ernährungssicherung und landwirtschaftlichen Emissionen beschäftigen oder sich in solchen Zusammenhängen äußern.

Stefanie Goldscheider